
Kapverden
Die Reise
Reisebericht Kapverden
Leinen los ins Ungewisse
Der lange Schlag zu den nordwestlichen Inseln
Die Ankunft am Flughafen Amílcar Cabral auf Sal hat sich auf ein Uhr nachts verzögert. Das erforderliche Visum habe ich natürlich nicht in der Tasche, das lässt sich aber bei der Einreise problemlos erledigen. Allerdings wird es mit den Taxis schwierig. Die Taxifahrer der wenigen vorhandenen Fahrzeuge stürzen sich auf die Touristen, die in das südlich gelegene Santa Maria reisen wollen, meine Destination in der Nähe des Flughafens will keiner kennen. Kein Wunder, kann man für die Reise zur Touristenburg mehr als das Dreifache des Fahrpreises veranschlagen. So stehe ich auf einmal allein an der Straße. Mein Internet funktioniert nicht, zurück in die Abfertigungshalle, die über ein offenes WLAN verfügt, lässt mich der Officer nicht. Ein großartiger Start. Bis sich dann doch ein ankommender Taxifahrer erbarmt. Es geht nur ein paar Minuten für 10 Euro (wenn ich mit Euro zahlen kann, wofür habe ich dann für eine unverschämte Marge in Lissabon kapverdische Escudos getauscht) in meine Unterkunft Nifa House in Espargos. Trotz der nachtschlafenden Zeit hat mich Valdemiro über alle Maßen freundlich aufgenommen, mir die Unterkunft gezeigt und noch ein paar Tipps gegeben. Ich war so dankbar über seine Hilfe und Unterstützung, dass ich wohl mal eine Bewertung im Internet abgeben werde.
Prolog - Die Anreise
Einigermaßen ausgeruht fährt mich dann ein Taxi, dass wiederum Valdemiro organisiert hat, für den halben Preis in das doppelt so weit entfernte Palmeira. Dort ist die Charterbasis, in der ich unsere Yacht Alboran Prosecco in Empfang nehmen darf. Ein bekannter Skipper, der zwei Wochen zuvor mit dem Schiff unterwegs war, hat mir eine Liste mit all den kleinen und großen Defekten und Unzulänglichkeiten mitgegeben. Im Mittelmeer hätte ich das Boot vermutlich nicht übernommen. Aber wir sind ja in Afrika. Und wir fahren nur knapp 100 Seemeilen über den offenen Atlantik zu einem unserer Ziele. Und mein SKS ist nicht wirklich ausreichend für diesen Törn. Aber sonst ist alles klar auf der Andrea Doria.
Alex und Katha unserer Crew sind schon am Hafen. Die Prosecco liegt an einer Mooring-Tonne mitten im Hafenbecken. Mal etwas ganz anderes, sich mit einem Taxiboot aufs Schiff bringen zu lassen. Schnell wurde ich mit dem Motto der Kapverden vertraut gemacht: No Stress.
Mit deutscher Pünktlichkeit wird man hier nicht glücklich. Als vernünftige deutsche Touristen erwarten wir aber gar nicht, dass sich das Leben hier so abspielt wie bei uns. Ich gebe zu, etwas Zeit habe ich benötigt, mich daran zu gewöhnen.


Die Crew trudelt nach und nach ein, wir nehmen noch ein Abendessen ein und lassen uns mit dem Taxiboot an unsere Yacht bringen. Schön, dass selbst der versierte Bootsmann der Kapverden sich mit der Schraube des Außenborders in einer Mooringleine verhakt und 15 Minuten braucht, bis die Fahrt fortgesetzt werden kann.
Am nächsten Morgen darf ich noch bei der Policia maritim vorstellig werden, um die Bootspapiere abzuholen und auszuklarieren. Dieses Procedere soll auf jeder der neun bewohnten Inseln der Kapverden vollzogen werden. Als EU-Bürger für mich eine völlig neue Erfahrung. Irgendwann gegen der Mittagszeit ist es dann soweit: Noch etwas Sprit und Wasservorräte wurden - nun ja, nicht aufgefüllt, aber bei über 50 Prozent liegen die beiden Messanzeigen jetzt.
Wir lösen die Festmacherleine von der Boje und motoren aus dem Hafen. Aufmerksam suchen wir nach den Betonblöcken, die scheinbar wahllos im Fahrwasser liegen. Nachdem wir diese Passage gemeistert haben, wird es Zeit, zum ersten Mal die Segel zu setzen. Einer der Mängel der Yacht ist das Fehlen der ersten beiden Mastrutscher am Segelkopf. Ich habe die Yacht wie erwähnt im africa style übernommen. Fehlende Bilgepumpe, ein nur partiell funktionierender Kartenplotter und andere Einschränkungen wären in anderen Revieren inakzeptabel. Aber Reparaturen wurden uns nicht in Aussicht gestellt - soll ich die Crew bitten, unverrichteter Segeldinge einen Landurlaub durchzuführen? Eine gewisse Aufregung, stärker als sonst, kann ich nicht leugnen.
Für die erste Nacht haben wir uns eine Ankerbucht im Süden Sals ausgesucht, damit wir uns mit dem Boot und unserer Seemannschaft vertraut machen können. Ein kurzer Blick an die Südspitze bei Santa Maria hat uns einen beeindruckenden Schwell und Brecher am Strand gezeigt. Wir haben uns in die ruhigere Stelle, nicht wirklich geschützt vor Wind, am Ponta Preta niedergelassen. Richtung Strand haben die Kiter Ihren Spaß, mir war das zum Ankern etwas zu viel der steifen Brise. Aber wir haben noch ganz andere Windstärken erlebt, also erst mal ankommen und genießen.
Am nächsten Tag ist unser Etappenziel die Insel Boa Vista. Kurz vor dem Ablegen können wir auf dem Meer Orcas beobachten. Erst das für Wale typische Blasen, also die Wasserfontäne, dann ein kurzes Auftauchen und wir sehen die typischen weißen Wölkchen auf der Haut der Wale. Auch wenn man diesen Tieren mit Respekt begegnet, insbesondere als Segler, hätte ich sie gerne aus näherer Distanz betrachtet.
Die Windrichtung (die auf den Kapverden überwiegend aus Nordnordost weht) begünstigt unsere Fahrt nach Boa Vista und den Hafen von Sal Rei. Dort haben wir eine Boje reserviert. Die Hafeneinfahrt spannend, Untiefen und eine beeindruckende Brandung in der Nähe unseres Liegeplatzes quer durch unseren Hafen, aber wir schnappen uns die beiden Mooringleinen und liegen sicher. Nach einiger Zeit werden wir dann an Land gebracht und tauchen erstmals so richtig in die afrikanische Lebensweise ein.
Leinen los ins ungewisse




Mein Versuch einzuklarieren wird dadurch behindert, dass erst einmal niemand weiß, wo die Policia maritim eigentlich ist. Spätabends nach einem tollen Abendessen im Sodade Casa da Cultura (Sodade ist ein kapverdisches Wort und beschreibt eine vielschichtige Gemütslage von Sehnsucht. Sie drückt sich auch in der Musik, der Morna aus) haben wir uns dann noch quer durch den Ort bis zur Polizei durchgeschlagen. Dort hat man sich an meinen Dokumenten erfreut und einen schönen Urlaub gewünscht. Also doch nicht einklarieren? Wird dann wohl nicht so wichtig sein.


Heute haben wir eine lange Strecke vor uns und machen uns früh bereit. Für einen Crewwechsel müssen wir Mindelo auf São Vincente pünktlich am Ende der Woche erreichen, peilen aber noch einen Ankerstopp auf der Insel São Nicolau an. Zwischen 80 und 90 Seemeilen stehen auf dem Programm. Der Wind aus Nordost passt perfekt zu unserem Kurs. Besser kann man es wohl nicht erwischen, um diese Strecke zurückzulegen.
Am Abend nimmt der Wind noch etwas zu. Eigentlich hatte ich mich entschlossen, vor der Hafenmauer von Preguiça zu ankern. Einem geschichtsträchtigen Ort, von hier soll Pedro Álvares Cabral mit seiner Flotte aufgebrochen sein, um zufällig Brasilien zu entdecken. Darüber, dass dabei ein Schiff seiner Flotte irgendwo hier aus ungeklärter Ursache verschollen ging, denken wir lieber nicht länger nach.


Vor der Auswahl des Ankerplatzes hat Alex seinen großen Moment. Stundenlang sind seine Schleppangeln durchs Wasser gezogen worden, mehr als eine Plastiktüte wurde dabei nicht eingeholt. Und nun hat er einen kapitalen Bonito am Haken. Von diesem Fisch werden wir uns drei Tage ernähren.
Laut den Einträgen von Navily ist nordöstlich von Preguiça ein geeigneterer Ankerplatz, sodass wir uns kurz vorher noch umentschließen. Der Ankergrund kann nicht begutachtet werden, dafür ist es viel zu dunkel, also spekulieren wir etwas und haben Glück: Der erste Wurf sitzt und wir haben perfekten Halt. Den Abend lassen wir nach der anstrengenden Überfahrt gemütlich und mit köstlich zubereiteten Fisch ausklingen.
Der lange schlag zu den nordwestlichen Inseln




Etwas euphorisch schlage ich am nächsten Morgen vor, die Insel São Nicolau auf der Nordseite zu umrunden und unser nächstes Ziel Santa Luzia anzusteuern. Ich habe eine Strecke von 50 Seemeilen in den Raum geworfen, ohne dies vernünftig zu berechnen. Wir müssen dabei wieder eine ordentliche Strecke erst in östlicher Richtung, von der wir am Vortag angereist waren, zurücklegen, an der Ostseite aufkreuzen und dann Richtung Westen bis nach Santa Luzia segeln. Nach 5 Seemeilen haben wir nicht einmal die Hälfte des Ostkurses hinter uns gebracht, als uns etwas sehr ungewöhnliches ereilt: Eine kurze Flautenphase. All dies kostet uns enorm viel Zeit, ebenso das Aufkreuzen, sodass aus einer gemütlichen Fahrt wieder ein ordentlicher, zeitaufwändiger Schlag wird. Als wir die nördliche Seite São Nicolaus absegeln, dies immer noch mit bescheidenen Windverhältnissen, wird klar, dass meine Kalkulation nicht aufgeht.


Was also tun... Wieder runter an die Südseite von Nicolau und nach Tarrafal? Dies ist die kürzeste Option, aber die Strecke morgen wird dafür umso länger. Also einigen wir uns nach einer längeren Absprache auf einen Ankerplatz im vermeintlichen Schutz der Ilhéu Branco. Am westlichen Ende von São Nicolau brist der Wind ordentlich auf, die letzten 10 Seemeilen sollten wir schnell absolvieren. Die Sonne geht unter, und der Wind nimmt immer mehr zu. Da haben wir wieder unsere 6 Beaufort mit einigen Böen. Auf achterlichen Kurs müssen wir die Flachpassage zwischen Ilhéu Branco und der Ilhéu Razo passieren. Der Grund des Meeres baut sich an dieser Stelle von eben noch 2.000 Meter auf nur noch 20 Meter auf. Dies macht sich deutlich an den Wellenbergen bemerkbar, die David konzentriert absurfen muss.
Eine unvergessliche Nacht
Ganz schön was los da hinter uns, vielleicht besser, dass es schon stockfinster ist und wir nicht sehen, wie bewegt die See ist. Mittlerweile sind wir auch wieder durchgängig bei 7 Beaufort. Als wir die engste Stelle hinter uns gelassen haben, wird es etwas ruhiger. Unser Ankerplatz scheint durch die über 300 Meter hohe Insel geschützt, wieder greift der Anker zuverlässig nach dem ersten Versuch, aber wieder sehen wir nicht, welchen Untergrund wir da beackern. Ich entschließe mich, die Nacht in der Plicht zu verbringen.
Das geht auch erst recht gut, mir fällt aber schon auf, was für mächtige Böen unsere Yacht durchschütteln. Somit schnell noch eine Festmacherleine für die Ankerkette und deren Zugentlastung für die Ankerwinsch befestigt.
Da ich die Ankerwinsch nur mit laufendem Motor betätige, die Spannungsanzeige der Batterie gab durch sprunghafte Angaben mehr Rätsel auf als Sicherheit zu bieten, mache ich etwas Krach. Und schon ist die halbe Mannschaft zur Unterstützung auf den Beinen. Das war natürlich nicht meine Absicht, aber zeugt von ausgezeichneter Seemannschaft!
Nach einer Stunde fängt unser Bimini an, sich aufzulösen. Die Sichtfenster aus Plastik, die entgegen ihrer Bezeichnung überhaupt keine Sicht mehr geboten haben, reißen ein. Flapp... ist sie komplett weggeklappt und hat erstmals wieder den Blick auf den Himmel freigegeben. Magisch - genau in diesem Moment fliegt eine Sternschnuppe am Horizont vorbei. Getrübt wird dies nur von der Tatsache, dass ich eine der beiden Sichtfenster nicht rechtzeitig zu greifen bekomme und im Ozean verschwindet. Als ob nicht schon genug Plastik in unseren Meeren treibt, das schlägt mir eindeutig auf die Stimmung.
Ein Knall, wieder das Knarzen der Ankerhalterung, das klingt nicht gut. Tatsächlich ist die Festmacherleine noch an der Klampe, hängt aber ins Wasser. So sehr zerren die Böen am Schiff, dass sie gerissen ist. Also nochmal ein neuer Versuch, nochmal etwas Kette gesteckt (diesmal hat nur Alex geschaut, die anderen haben sicher geahnt, dass ich das Manöver wiederhole) und wieder hingelegt. Der Windmesser zeigt beim durchschnittlichen Wind knapp 20 Knoten an, bei den brutalen Böen bewegt sich an der Anzeige kaum etwas. Entweder entfalten sich diese nur direkt über der Wasseroberfläche oder unser Windmesser spielt nicht mit. Als ich mich wieder auf den Bug stelle, werde ich zwei Schritte nach hinten geblasen. Ich bin mir sicher, dass die Böenspitze 40 Knoten erreicht.




Nach einer schlaflosen Nacht, bei der der Ankeralarm nicht angesprungen und wir tatsächlich noch auf der gleichen Position sind, wird die Crew wach. Der Wind lässt bei Sonnenaufgang nun auch endlich etwas nach. Ich haue mich nochmal eine halbe Stunde in die Koje, ein großer Gewinn ist das für mein Schlafbedürfnis aber nicht. Nach der nächsten Etappe ist aber erst mal Festliegen in der Marina angesagt, die einzige, die es bislang auf den Kapverden gibt.
Mit ordentlich Speed steuern wir zu unserem Ziel, ein Halbwindkurs, der unsere SY Prosecco ordentlich beschleunigt. Viel schneller als kalkuliert segeln wir an der Südseite von São Vincente entlang, bis zu der Meerenge zwischen eben dieser Insel und Santo Antão. Wir sehen schon die weißen Schaumspitzen, die die Wellen in dieser Düse kleiden. Und nach kurzer Windpause geht es dann so richtig los, Kurs gegenan.
Auf nach mindelo


Kurz vor der Küste Santo Antãos haben wir beinahe die Höhe von der Einfahrt nach Mindelo erreicht. Wende einleiten und dann möglichst Richtung Ziel. Das gelingt allerdings überhaupt nicht. Eigentlich segeln wir wieder zurück. Reff 2 war wohl immer noch zu viel, zudem versetzt uns der Strom stark nach Süd. Nachdem Wind und Welle grenzwertig werden, entschließen wir uns, Motorunterstützung anzufordern. Ansonsten wären aus den 2 Seemeilen deutlich mehr geworden.
Obwohl man mir sagte, man brauche die Marina gar nicht anzufunken, lege ich Kanal 72 auf und erhalte Antwort. Wir wären ja noch viel zu weit weg, ich soll mich vor dem Hafen noch mal melden. Dort werden wir dann von einem kleinen Motorboot in Empfang genommen und Stephan legt unsere Yacht nach einer Korrektur des vorgesehenen Liegeplatzes an. Ursprünglich sollte unser Bug in Windrichtung stehen, das wäre ohne die Nutzung eines Bugstrahlruders kniffelig geworden. Unser Marinero hat uns, nachdem ich ihm das zugerufen habe, gleich umgeleitet. Ein sehr freundlicher Empfang, und auch das Anfunken ist zu empfehlen, wenn auch nicht immer erfolgreich.
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