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Von Heiligenhafen nach Törehamn

Auch als Buch erhältlich!

Der folgende Reisebericht ist jetzt auch exklusiv als Buchband erhältlich. Schreibt mich dazu einfach über die unten aufgeführte Kontaktmöglichkeit an.

Buch Vorderseite
Buch Rückseite

Leinen los um 15:15 Uhr in Heiligenhafen. Die Windvorhersage beschert uns einen Kurs auf der Kreuz. Dadurch wird sich unsere Fahrtstrecke verlängern, ein Ziel für den ersten Stopp haben wir aber nicht anvisiert. So weit die Segel tragen ist unser Motto für diese Etappe, bei der wir erst einmal Strecke machen wollen.

Hauptsache segeln! Schon bei der Fahrt durch das Fahrwasser hinter der Fehmarnsundbrücke schweigt der Motor und wir schieben uns durch bekannte Gefilde.

Rainer nimmt den Weg mitten durch den Rødsand-Windpark, nachdem wir uns vergewissert haben, dass dies auch zulässig ist. Während wir uns langsam eingegroovt haben, bricht schon die erste Nacht, die wir abwechselnd mit 3-Stunden-Wachen verbringen werden, über uns hinein. Die Dunkelheit, die uns nun umgibt, wird während unserer Fahrt immer seltener unser Begleiter sein.

Das große Ziel ist die nördlichste Seewassertonne der Ostsee vor Törehamn. Vor uns liegen 1.223 nautische Meilen, ausgehend von Heiligenhafen hinein in die zentrale Ostsee, durch den Kalmarsund, einen Ausflug in den Stockholms skärgård, weiter Richtung Norden durch den Bottenhavet (Bottensee, der südliche Teil des bottnischen Meerbusens) über das flache Wasser des Kvarken hinein in den Bottenviken. Als krönender Abschluss folgt die Passage der gelben Tonne von Törehamn, die leider keinen Briefkasten für uns beide Schreibwütigen mehr aufweist. Es war üblich, an dieser außergewöhnlichen Stelle einige Postkarten einzuwerfen.
Am zweiten Tag nach einer routiniert abgesegelten Nachtfahrt nehmen wir um 10:45 Uhr die vorerst letzte Wende vor den Kreidefelsen von Møn in Angriff, um dann auf Backbordbug die schwedische Küste vor Ystad anzupeilen. Der leicht weiter südlich drehende Wind hilft uns, nicht auch noch durch den Windpark Kriegers Flak kreuzen zu müssen. Aber es verlangt von uns hohe Aufmerksamkeit, um hoch am Wind zu segeln. Das geht auf die Kondition und wird sich zumindest bei mir in der zweiten Nacht bemerkbar machen.
Es dämmert bereits, als sich erste kräftige Gewitter ankündigen. Die digitalen Hilfsmittel werden bemüht, um die Zugbahnen einschätzen zu können und machen wenig Mut, sie umfahren zu können. Während ich noch meine Wetterbeobachtung mit der Pinne in der Hand abschließe, taucht wie aus dem Nichts ein unbeleuchtetes Segelboot vor uns auf. Anscheinend bemerken sie, dass sie kaum gesehen werden können und machen ihre Positionslichter an. Sehnsüchtig sehe ich dem Schiff hinterher, denn es bewegt sich weg von der Gewitterwolke. Nach kurzer Absprache mit Rainer beschließen wir weiterzufahren, obwohl ich etwas beunruhigt bin. Aber warum sollte man nicht einem erfahrenen Kapitän vertrauen, zumal ... der Wachwechsel ansteht. 😉. Und tatsächlich bestätigt sich Rainers Annahme, dass wir nur ein paar Tropfen abbekommen und sich das Gewitter uns gegenüber gnädig zeigt. Was derweil an der Küste über Ystad heruntergeht, möchte man nicht im Jackenkragen haben. Zusätzlich sorgen Blitz und Donner für Spannung. Das Grummeln nach einem Blitz hört sich auf See lauter und noch bedrohlicher an.

Als um fünf Uhr mor­gens die aber­ma­li­ge Ü­ber­nah­me der Pin­ne und des Kom­man­dos an­steht, mer­ke ich den Schlaf­man­gel deut­lich. Rai­ner weist mich auf ein Schiff hin, dass ihm das We­ge­recht, im Ü­b­ri­gen ein schö­ner Dis­kus­si­ons­punkt un­se­rer Rei­se, ob die­ser Aus­druck seemän­nisch zuläs­sig ist, nicht ge­währt. Ich kann im ers­ten Mo­ment ü­ber­haupt nicht nach­voll­zie­hen, wer da wo­hin rei­sen möch­te und re­gis­trie­re nur ein ro­tes Licht im Mast. Erst spät se­he ich, dass uns das Schiff ent­ge­gen- und sei­ner Aus­weich­pflicht nicht nach­kommt. Vi­el­leicht soll­te ich die Theo­rie-Ein­hei­ten ei­nes Se­gel­scheins doch et­was erns­ter neh­men, dann hät­te mir auf­fal­len müs­sen, dass ich das Schiff nicht von ach­tern se­he und mei­ne Ü­ber­le­gun­gen ein­stel­len könn­te, wie ich es ü­ber­ho­len soll­te.

Rai­ner be­gibt sich nach ei­nem ge­mein­sa­men Kaf­fee in die Ko­je und ich kämp­fe ge­gen den Schlaf. Der Mor­gen er­wacht und ich se­he end­lich wie­der, wo­hin ich das Schiff steu­e­re. Die Hanö­bukt liegt vor uns, leich­te Win­de schie­ben uns schnell Rich­tung Ö­land, das wir am frühen Abend er­rei­chen soll­ten. Noch im­mer ist uns der Wind treu ge­blie­ben. Die Rich­tung könn­te bes­ser sein, aber zu­min­dest konn­te bis­lang der Mo­tor aus­blei­ben. Abends im Son­nen­schein se­hen wir die Süd­spit­ze von Ö­land auf­tau­chen, un­se­re Ge­schwin­dig­keit lässt aber nach. Nun müs­sen lei­der doch die Se­gel her­un­ter, ei­ne kur­ze Ü­ber­le­gung, ob das öst­li­che Pas­sie­ren von Ö­land et­was mehr Wind und Fahrt brin­gen könn­te, ver­wer­fen wir beim Blick auf die Wind­vor­her­sa­ge. Und auch die Ent­schei­dung, ob wir ei­ne wei­te­re Nacht womög­lich un­ter Mo­tor un­ter­wegs sein wol­len oder ei­nen Ha­fen­stopp ein­le­gen, ist schnell ge­trof­fen. Wir lau­fen Bergk­va­ra an und ha­ben uns nach 2 Ta­gen un­ter Se­geln das An­le­ge­bier mehr als ver­dient. Eben­so wie ei­ne Du­sche auf dem an­gren­zen­den Cam­ping­platz.

Kurz nach der Mittagszeit, wir haben wieder eines der hervorragend vorbereiteten Speisen von Rainers Gattin Ulli verzehrt, dreht der Wind so weit auf Süd, dass das Spinnaker-Setzen vorbereitet wird. Rainer erklärt mir mit Engelsgeduld die Verwendung der einzelnen Schoten und Fallen, vor allem aber die korrekte Leinenführung. Das Prinzip ist dann endlich von mir verstanden, und trotzdem ist die Führung des Toppnant-Nocks irgendwie mit dem Achterholer des Spi´s verbandelt. Verdammt! Rainer fällt dies vor dem Setzen auf, sodass kein Problem entsteht, aber es muss doch möglich sein, dieses Makramee mal fehlerlos zusammenzubändseln.

Nachdem der Spi sich mit einem wunderschönen Wusch entfaltet und die Tuulikki nach vorn zieht, überzieht ein Lächeln unsere Gesichter. Ein wenig einpendeln und schon genießen wir unter perfekten Bedingungen unser Vorankommen. Konzentration ist dennoch erforderlich, da wir den Trimm zum Vermeiden des Spibaum-Shiftens ausgereizt haben und dieses Manöver nicht unbedingt in dem engen Fahrwasser vor der Kalmarsundbrücke vollziehen wollen. Ich bin etwas angespannt, ob das Durchfahren dieser Brücke Winddreher oder veränderte Bedingungen für uns bereithält. Diese Bedenken waren allerdings unbegründet, sodass der Spinnaker noch einige Zeit gesetzt bleibt.

Als der Wind etwas zunimmt, wird es Zeit zum Spinnakerbergen. Wieder ein neuer Vorgang für mich, bisher habe ich dies nur entspannt von der Pinne aus beobachtet. Das Kommando kommt, ich ziehe das Segel in seinen Sack, Rainer begleitet dies mit dem perfekten Leinenmanagement und ich bin sehr erstaunt, wie leicht sich diese etlichen Quadratmeter verstauen lassen. Ja, verbesserungswürdig war es zweifelsfrei, aber zumindest ist alles sicher wieder eingeholt.

Spi Segeln Ostsee
Spi Segeln Ostsee

Bevor wir uns in die Stockholmer Schären begeben, wollen wir noch einmal richtig ausschlafen und tauchen in die bezaubernde Inselwelt vor der Ostküste Schwedens ein. Die Auswahl eines geeigneten Liegeplatzes fällt zunehmend schwerer. Ein Geflecht von Inseln, in die wir nicht zu tief eindringen wollen, liegt schließlich diese Strecke dann am nächsten Tag bei der Ausfahrt wieder vor uns. Auf den Inseln selbst finden wir auch keinen geeigneten Platz. Sicherheitshalber wollen wir die Wasser- und Dieselvorräte auffüllen. Die Wahl fällt auf einen kleinen Hafen, besser gesagt einen Anleger auf Nedre Lagnö. Nach der Passage einer völlig heruntergerockten Insel, bei denen die Komorane kein Leben der Flora mehr dulden, sehen wir unser Ziel. Etwas verwirrend, weil die Eindrücke der Seekarte nicht den vorgefundenen Stegen entsprechen. Die Saison hat hier noch nicht begonnen und nicht alles ist wieder da, wo es hingehört.

Als wir die Tuulikki sicher an den Leinen haben, begebe ich mich zum Hafenbüro. Besser gesagt dem Wohnhaus der Inhaber der Tankstelle und des Steges. Die ältere Dame muss mich erst einmal zu einem Häuschen führen, an der die aktuelle Preisliste hinterlegt ist, da sie diese nicht kennt. Der Sohn drückt sich anscheinend woanders herum. Und nach Bezahlung der Hafengebühr sind wieder weniger als 20 Euro von unserem Bankkonto getilgt. Günstiger kann man kaum liegen. Die Dusche hält dann noch eine Überraschung bereit. Als ich gefragt werde, ob ich den Hartgeld in schwedischen Kronen zur Verfügung hätte und meiner Verneinung, meinte die liebenswürdige Dame, kein Problem, hier sind zwei 10-Kronen-Stücke, die man in den Bezahlschlitz schmeißt, und wenn uns das zu wenig ist, zieht man den Geldbehälter einfach auf und verwendet die Münzen erneut. Eine sehr zufriedenstellende Lösung!

Am nächsten Tag geht es los in den Stockholmer Schärengarten. Unsere Fahrtroute führt uns bis tief in den Skärgård vorbei an größeren und kleineren Schären, die offene See haben wir fürs Erste verlassen. Anspruchsvoll, aber wunderschön passieren wir unter Segeln diese Strecke, wieder mit offenem Ziel. Das pure Genuss-Segeln, so lange man die sich verändernden Windverhältnisse, abgelenkt durch die Schären, immer im Blick behält.

Am Abend haben wir unser Nachtquartier ausgemacht, die Insel Grinda. Pünktlich vor dem Anleger ist die frische Brise in der geschützten Hafenbucht verschwunden und wir legen abermals entspannt an. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Häfen sind hier doch einige Boote und Menschen anzutreffen. Das Restaurant mit traumhaften Blick auf das Wasser und die Yachten lockt uns so sehr, dass wir die Bordvorräte unangetastet lassen. Ein frisches Bier vom Fass ist nun Pflicht. Die Kosten dafür sind allerdings auf dem Niveau der Hafenliegegebühren. In Kroatien wäre bei gleicher Korrelation eine achtköpfige Crew stockbetrunken. Rainer besorgt uns noch kurz vor der Küchenschließung einen Platz im Restaurant und wir lassen den Abend ausklingen.

Die Windvorhersage ist für den heutigen Tag nicht besonders, vor allem am Vormittag regt sich kaum ein Lüftchen. Gelegenheit, die mitgenommenen Wanderschuhe auszupacken und die Insel zu erkunden. Nach einer improvisierten Tour durch die schöne Landschaft kehren wir noch kurz ein, um einen Kaffee zu trinken. Dort erhalten wir auch den wertvollen Tipp, welches Mückenschutzmittel zu empfehlen ist, wenn man die Chemiekeule nicht auspacken möchte. Zu diesem Zeitpunkt haben noch nicht geahnt, dass die vorhandenen Insekten auf Grinda nur die Vorhut der Mücken-Armee ist, die uns noch erwartet.

Mit tollen Eindrücken im Gepäck reisen wir diesmal nur wenige Seemeilen bis nach Furusund, einer Schäre direkt am Fahrwasser der Kreuzfahrtschiffe, die nach Stockholm unterwegs sind. Das Fahrwasser kreuzen wir nach NNO, unbehelligt von den riesigen Pötten, die sich morgens und abends durch dieses Nadelöhr quälen.

Ein entspanntes Anlegemanöver erwartend, stehe ich an der Pinne, Rainer schnappt sich die Heckboje und macht den Bojenhaken fest, um die Festmacherleinen am Bug zu bedienen. Ich hole die Achterleine an der Boje dicht. Die Tuulikki bewegt sich langsam vorwärts, mein Dichtholen scheint überhaupt keinen Effekt zu haben. Als ich mir das verwundert genauer ansehe, merke ich, dass die Boje mit uns Richtung Anlegekai gezogen wird. Was hat die denn für eine lange Kette auf dem Grund? Nachdem sie direkt achtern bei mir ist, stoppe ich die Tuulikki mit Motorkraft auf, irgendwas stimmt hier doch nicht. Das Nachbarschiff ist gleich zur Stelle, um uns zu sichern und übernimmt provisorisch die Heckleine. Nach einigen Versuchen stellen wir fest, dass sich die Boje in alle gewünschten Richtungen bewegen lässt. Der herbeigeeilte Hafenmeister klärt uns auf: Die Bojen wurden erst vor kurzem zu Wasser gelassen, offensichtlich hat der Taucher vergessen, unsere Boje zu fixieren. Damit muss man auch erst mal rechnen. So haben wir uns in die Boje des Nachbarn eingepickt und konnten uns Furusund und die nun doch dicht an uns vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe ansehen.

Stockholmer Schären
Stockholmer Schären
Astrid Lindgren Haus Furusund
Astrid Lindgren Haus Furusund

Furusund ist die Schäre, auf der Astrid Lindgren ihr Sommerhaus hatte. Selbstverständlich machen wir vor dem Ablegen noch einen kleinen Abstecher und tatsächlich - das Haus sieht so aus, wie ich es aus den Büchern und Filmen in Erinnerung hatte. Der Wind nimmt zu, Zeit für die Rückkehr und den Ableger.

Rainer hat im Vorfeld eine Mitgliedschaft im Svenska Kryssarklubben (SXK) beantragt. Dieser Bootsclub hat einige blaue Bojen an der schwedischen Ostseeküste verteilt. Wenn schon Mitglied, dann auch mal dort anlegen, ist unsere Devise. Wir haben im Clubheft eine Anlegemöglichkeit in der Gegend von Arholma gefunden und machen uns auf den Weg. Vorher steht eine anstrengende Kreuz bevor, in den Schären und dem natürlich genau gegenan kommenden starken Wind eine anstrengende Angelegenheit.

Bei der Einfahrt zu unserem eigentlichen Ziel müssen wir leider feststellen, dass die Bucht komplett belegt und auch die Boje genutzt wird. Vermutlich haben viele die vor Nordwind geschützte Bucht aufgesucht, in der Umgebung gibt es nicht mehr viele geeignete Plätze.

Plan B ist der Hafen auf Arholma. Eine interessante Einfahrt, rechtzeitig zum Anleger flaut der Wind ab. Kein anderes Boot zu sehen, komplette Einsamkeit und ein alter Steg, den wir zum Anlegen nutzen wollen. Beim Begutachten der Anlegemöglichkeiten dann ein Rumms... Wir sind auf einen Stein aufgelaufen. Leicht schockiert werfen wir in der Mitte der Bucht den Anker.

Die nächste Station muss etwas größer ausfallen, damit wir den eventuell entstandenen Schaden durch einen Taucher untersuchen lassen können. Während der Passage des Verkehrstrennungsgebiets baut sich in der flachen Um­ge­bung north Å­lands um uns her­um schlech­tes Wet­ter auf. Und wir kön­nen beo­b­ach­ten, wie sich in un­se­rer Fahrtrich­tung ei­ne Böen­wal­ze for­miert.

Wir ver­su­chen ihr noch aus­zu­wei­chen, auch wenn dies be­deu­tet, dass wir bei­na­he wie­der zurück­fah­ren und uns mit den In­seln und Flach­was­ser­zo­nen be­schäf­ti­gen müs­sen. Da dreht der Wind ein paar­mal so, dass uns nichts ü­b­rig bleibt, als uns durch die Schlecht­wet­ter­zo­ne zu ar­bei­ten.

Kurz zieht der Wind or­dent­lich an, es gibt ein paar Trop­fen, und dann... schläft der Wind ein­fach ein. Ir­gend­wie ge­lingt es uns, mit­ten­durch zu fah­ren, man hat uns ei­nen klei­nen Kor­ri­dor gegönnt, bei dem wir nicht von den kräf­ti­gen Re­gen­wol­ken beläs­tigt wer­den. Ein be­ein­dru­cken­des Na­tur­er­leb­nis.